Vielleicht hast du dich gefragt, warum ich den jungen Erwachsenen zum Abgang aus der Schule eine ganze Schultüte voller guter Ratschläge überreiche – oder soll man sogar sagen: Ermahnungen? „Typisch Lehrer“, könnte man sagen. Es gibt dafür allerdings einen Anlass.
Wenn das Abitur näher rückt und damit auch das Erscheinen der Abizeitung, finde ich in meinem Fach im Lehrerzimmer oder auch in meinem E-Mail-Postfach einen freundlichen Brief der Abizeitungsredaktion. Die Schülerinnen und Schüler schicken mir die gesammelten anonymen „Kommentare“ zu meiner Person und bieten mir an, zum Zensor in eigener Sache zu werden: Ich möge streichen, was ich nicht in der Abizeitung gedruckt sehen möchte. Ein vergiftetes Angebot. Ich muss die möglicherweise beleidigenden Kommentare ja lesen, um entscheiden zu können, ob ich mich von ihnen beleidigt fühle. Ich soll mich also privat beleidigen lassen, um eine öffentliche Beleidigung zu verhindern.
Mit besten Absichten
Ich bin überzeugt, dass die Schülerinnen und Schüler, die an der Erstellung der Abizeitung arbeiten, uns Lehrkräften mit ihrem Brief einen Gefallen tun möchten. Es handelt sich bei ihnen auch regelmäßig um eine Auswahl der engagierten und kommunikativ begabten Mitglieder ihres Jahrgangs.
Die Redaktion muss nun einmal für das geradestehen, was unter Ihrem Namen veröffentlicht wird – im Konfliktfall auch juristisch. Es ist nur nachvollziehbar, dass sie da das Einverständnis der Betroffenen suchen. Ich habe in den vergangenen Jahren immer freundlich darauf hingewiesen, dass ich die Kommentarsammlung nicht zur Kenntnis genommen habe und die Redaktion gebeten, selbst zu entscheiden, welche Äußerungen angemessen sind und welche nicht. Und in diesem Jahr habe ich mir alle Erklärungen gespart und stattdessen gedichtet.
Eine Machtfrage?
In diese schwierige Lage bringen sich die Abizeitungsredaktionen allerdings selbst, indem sie sich dafür entscheiden, anonyme Kommentare zu sammeln. Es ist kaum zu erwarten, dass Statements differenzierter und fairer, kurzum: besser werden, wenn sie im Schutz der Anonymität abgegeben werden. Geht es wirklich um mehr Ehrlichkeit? Oder geht es in Wahrheit darum, mal richtig vom Leder ziehen zu können? Im Hinblick auf die Lehrerkommentare wird auf das Machtgefälle verwiesen: Schüler fürchten für negative Rückmeldungen abgestraft zu werden. Zu Unrecht. Denn die Verfasser:innen der Abizeitung halten ihr Abitur bereits in Händen, wenn sie erscheint.
Nichtsdestoweniger gibt mir als Lehrer das Bedürfnis nach heftiger, aus meiner Sicht vielleicht überzogener Kritik zu denken: Wie ist es um die Feedbackkultur an unserer Schule und ganz konkret in meinen Lerngruppen bestellt? So regelmäßig wie als Referendar hole ich schon lange keine Rückmeldung mehr ein …
Aus der Deckung auf die Schwachen?
Letztlich viel problematischer als die Lehrerkommentare ist aber, dass auch die Kommentare über Mitschüler und Mitschülerinnen im Schutz der Anonymität abgegeben werden. Auch den Schülerinnen und Schülern wird zugemutet, zu sichten und gegebenenfalls auszusortieren, was andere anonym über sie geschrieben haben, und zwar die ganze Zeit über, in der die Kommentare gesammelt werden.
Das hängt mit dem Online-Tool zusammen, das die Redaktion unseres diesjährigen Abiturjahrgangs zum Material Sammeln verwendet hat: die „AbiApp“. Ich habe sie mir gerade angesehen. Diese nach einer Testphase kostenpflichtige App ist ohne Frage eine große Hilfe für Abizeitungsredaktionen. Alle Mitglieder des Jahrgangs bekommen einen Zugang und können nicht nur Lehrer- und Schülerkommentaren abgeben, sondern auch das Material für alle möglichen weiteren klassischen Rubriken einer Abizeitung zusammentragen: Zitate, Abstimmungen für Rankings und Umfragen, Infos für Steckbriefe.

Um mir die App anzusehen, habe ich mich mit falschen Daten anmelden. Man muss nämlich angeben, an welcher Schule man in welchem der nächsten drei Jahre voraussichtlich Abitur macht. Ich war also selbst nicht mit meiner echten Identität unterwegs! (Im Nachhinein habe ich das in einer Mail an die Macher der App aufgeklärt und meine Bedenken mitgeteilt.)
Links ein Screenshot aus dem Google App Store. Unten erkennt man, dass Kommentare gelöscht und Kommentatoren blockiert werden können.
Wenn der Jahrgangsadministrator die Voreinstellungen der App beibehält, sehe ich als Schüler, was andere über mich geschrieben haben. Ich kann aber nicht erkennen, wer es geschrieben hat. Das kann nur der Admin sehen. Lese ich einen Beitrag, durch den ich mich beleidigt fühle, kann ich diesen Beitrag streichen. Das erfährt dann auch der Verfasser. Kommt es zu dick, kann ich auch einen Autor blockieren. Dann erscheint von ihm kein Kommentar mehr zu meiner Person. Diese Funktionen sollen mich schützen, aber sie kommen zu spät. Das Gift der Worte wirkt dann schon. Helfen könnte dann vielleicht eine Aussprache. Aber mit wem? Eine konstruktive Konfliktlösung ist nicht möglich.
In der Regel sind es auch nicht die starken, gut vernetzten Mitglieder des Jahrgangs, die hässliche, verletzende Äußerungen auf sich ziehen und unter ihnen leiden. Wer getroffen ist, möchte sich nicht auch noch als „Opfer“ outen. Dann schaltet man lieber auf cool und lässt sich nichts anmerken.
Verantwortung einschalten
Warum also die Anonymität? Ist der thrill es wert, dass einzelne durch blöde Sprüche aus der Deckung der Anonymität heraus heruntergezogen werden? Dass letztlich das Klima in der Jahrgangsstufe leidet?
Man kann bei der AbiApp ganz einfach einschalten, dass jeder die Verfasser der Kommentare erkennen kann.

Ich wette, dass viele sich dann fairer und freundlicher zeigen. Also so, wie sie sich selbst Jahrzehnte nach dem Abitur auch viel lieber selbst sehen werden, wenn sie wieder einmal in ihrer Abizeitung blättern.
Darum sollte es doch jedem auf seinem Bildungsweg gehen: Was möchte ich für ein Mensch sein? Vielleicht einer, der kritisch ist, aber im andern auch das Gute sieht. Und hoffentlich einer, der für das, was er sagt, die Verantwortung übernimmt.

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